Die Ausstellung „Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis“ zitiert in ihrem Titel das gleichnamige Theaterstück von René Pollesch. In diesem Theaterstück, geht es, anders als der Titel suggeriert, weder um einen Ort, noch um einen Preis. Das Stück entfaltet eine furiose Reflexion über Grenzen, Sinn und Möglichkeiten des Theaters und damit der Kunst. Pollesch zitiert nicht, er sampelt. Sein Satz erinnert an Bertolt Brechts „Ich weiß nicht, was ein Mensch ist, ich kenne nur seinen Preis“, entfernt sogar an Augustinus’ „Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, weiß ich es; will ich es aber jemandem erklären, der fragt, weiß ich es nicht“ und ist doch etwas völlig anderes. Zeit, Raum, Mensch – Pollesch kreiert konsistente Textoberflächen, die undeutlich sind gegenüber einer Überdeutlichkeit der Repräsentation.

Was ist also der Preis? Und was hat die Überdeutlichkeit der Repräsentation mit den neuen Bildern Peter Vahlefelds zu tun? Machen wir eine Preisfrage daraus: Sie kennen Gewinnspiele oder Spam-Mails, die Sie glauben lassen sollen, Sie hätten etwas gewonnen: Preisfragen gehören zum Kommerz. Sie haben bei einem Preisausschreiben/Gewinnspiel mitgemacht (oder auch nicht) und vielleicht einmal über die Wahrscheinlichkeit nachgedacht, am Ende eine Reise in ein ausgewähltes Hotel oder ein exklusives Produkt zu ergattern. Sie setzen sich mit dem möglichen Preis auseinander, auch wenn es noch so unwahrscheinlich ist, ihn zu gewinnen: Ein Preisausschreiben kann Begehrlichkeiten wecken. Oder aber die Preisfrage leitet Sie – ganz ohne offenkundiges Gewinnspiel – bei der Entscheidung zwischen zwei Produkten: lieber das günstige, funktionale oder doch besser das ausgewählte, teure?

Der Begriff Preisfrage hat mindestens zwei Aspekte, die sich auf die neuen Bilder von Peter Vahlefeld beziehen lassen. Zum einen könnte man Fragen formulieren und zur Preisfrage erklären. Für ein Gewinnspiel oder Preisausschreiben sollte jede Frage möglichst einfach formuliert sein, was bisweilen mit der Vorstellung verbunden ist, sie lasse sich leicht oder zumindest eindeutig beantworten. In der Kunstwelt wären im konkreten Fall verbreitete Fragen: „Woraus besteht dieses oder jenes Bild?“, „Warum geht es um Hotels?“, „Was stellt dieses oder jenes Bild dar?“ oder auch „Was will mir der Künstler mit diesem oder jenem sagen?“. Zum anderen kann eine Preisfrage eine Entscheidung zwischen mindestens zwei konkurrierenden Objekten sein, die sich auf die vermeintliche Gewissheit reduzieren lässt, man „kenne seinen Preis“ bzw. den Preis des jeweiligen Objekts. Aber tut man das auch? Und was hat das mit den Bildern Vahlefelds zu tun?

In gewisser Weise ist dieser Text eine Antwort auf den ersten Aspekt der Preisfrage, eine Antwort auf eine Art von Ausschreibung, selbst wenn sie im konkreten Fall mündlich formuliert war: Der Künstler hat an die Autorin die Bitte gerichtet, einen Text zu seinen neuen Bildern zu schreiben. Und das hat natürlich seinen Preis. Insofern unternimmt sie es für den vorliegenden Katalog für jeden sichtbar, der es lesen möchte, die konkreten und vermeintlich einfachen Preisfragen an Vahlefelds Bilder zu beantworten. Was lässt sich also über die neuen Bilder sagen?

Vahlefeld schreitet zunächst auf dem gestalterischen Weg fort, den er schon mit früheren Bildern beschritten hat: Er trägt Material auf und trägt es an einigen Stellen wieder ab, er be- und übermalt mit Pigmenten oder Lackfarbe. Er nutzt die Zufälle der Chemie und Physik seiner Materialen, wobei neuerdings Metallpigmente wie Gold, Aluminium, Eisen oder Kupfer begegnen, die er mit Salzsäure übergossen zur Oxidation bringt. Er arbeitet auf Leinwand oder Aludibond und setzt mit dem gewählten Träger auf Effekte wie matt oder glänzend. So eignet sich der hochglänzende Aludibond besonders für die weitere Bearbeitung einer vergrößerten und übermalten Werbung aus der Hochglanzwelt des Louis Vuitton in einem Diptychon. Weiterhin spielt Vahlefeld mit der Optik und Illusion von Zwei- und Dreidimensionalität, indem er Farbe und Struktur in seinen Bildern neben-, hinter-, aufeinander mit Digital-Ausdrucken von Farbe, Struktur und Malerei mixt. Und wenn irgendeines seiner Bilder droht, ein Zuviel von einer oder mehreren Komponenten zu haben – mit Blick auf die bloße Physik und Optik der Bilder gewissermaßen ein Zuviel an Entropie –, züchtigt er das Chaos, in dem er es der grafischen Repräsentation (Layout) der Drucksachen oder Werbung unterordnet.

Versatzstücke des Kommerzes, derer er sich bedient, stammen nun aber bevorzugt aus einzelnen Hotels oder sind, genauer gesagt, von ihnen inspiriert und zeugen von Reisen, die Vahlefeld unternommen hat. Er benutzt die etablierte Farb- und Formensprache von Hotels, um sie in seine Bilder zu integrieren oder mit anderen Versatzstücken zu sampeln und zu mixen. Mal offensichtlich, mal dezent, mal physisch, mal digitalisiert tauchen Teile von Design- und Funktionsobjekten dieser Hotels in seinen Bildern auf: charakteristische Stoffe von Gardinen oder Polstern, wie sie dort verwendet werden, mehrere Buchstaben oder ganze Textauszüge im Corporate Design des Hotels, ob aus Teilen einer Barquittung oder eines Kofferanhängers, eines Feedbackformulars für Gäste oder aus den Adressangaben im Hotelbriefkopf. Soviel zur Preisfrage, woraus die Bilder bestehen.

Wie sich Vahlefeld schon dem Kommerz der Kunstwelt etwa in Form von Museumsshops (Orte) widmet, erweitert er nun seinen Blick um die Gestaltung eines anderen Ortes, nämlich des Hotels, das sich des Kommerzes um das Leben auf Reisen annimmt. Jedes Hotel ist eine Zwischenstation des Reisens, es will das Übernachten und Verbringen von Zeit an einem Ort mit mehr oder weniger Komfort für den Einzelnen begleiten und richtet sich doch an die Vielen, es konkurriert mit anderen Hotels um seine Kundschaft und will sich nach außen von seiner besten Seite zeigen. Die Wahl des Hotels greift den anderen Aspekt der Bedeutung von Preisfrage auf: Gehe ich in das günstigere, funktionale Hotel oder leiste ich mir einen schon durch seinen Preis exklusiveren Aufenthalt mit hochwertiger Einrichtung und ausgesuchten Materialien?

Was stellen die Bilder dieser neuen Reihe mit dem Hotelbezug nun dar? Sie stellen vor allem die Lust des Künstlers an der Störung der Farb- und Formsprache und der mit ihr verbundenen Illusion dar. Während er einerseits charakteristische Stoffe von Teppichen, Gardinen oder Polstern, typische Textoberflächen oder Schriftzüge der Hotels sampelt und mixt, stört er sie immer auch, macht ihre Repräsentation zunichte. Im Englischen spricht man von nonrepresentational painting, also gegenstandsloser oder ungegenständlicher Malerei, als eine Kritik an der Repräsentation. Der Schriftzug des Hotels Principe Di Savoia in Mailand etwa, das klar und deutlich im oberen Bereich eines Bildes prangt, erscheint hier nicht mehr auf dem ausgesuchten Papier des Hotels, sondern auf den auf- und teilweise wieder abgetragenen, auf den benutzten und/oder digitalisierten Materialien und Farben, die Vahlefeld gewählt hat. Auf dem opulenten, mit Blütenranken bestickten Stoff eines anderen Bildes zeigen sich ölige Spuren der aufgetragenen Farbe. Im Vergleich zum eben erwähnten Bild lässt sich hier nur noch schwach der Anfang eines gespiegelten Schriftzugs desselben Hotels in Mailand erkennen, gleichzeitig sind an anderer Stelle minimale Spuren des Ortsnamens eines Hotels in London zu sehen. Neben der Anspielung auf den real existierenden Ort London – hier repräsentiert durch den Ortsnamen – findet sich das Wort Web. Einst folgte in der Vorlage sicherlich die Website, unter der das digitalisierte Hotel im virtuellen Raum repräsentiert ist.

Die Frage, was der Künstler mit seinen Bildern dem Betrachter sagen will, ist schon immer von der Egozentrik der Betrachtenden geprägt gewesen, der sie stellt. Will der Künstler mit den Bildern denn überhaupt etwas sagen oder zwingen Betrachtende mit dieser Frage Bildern einen Zweck auf, nämlich eine konkrete Botschaft des Künstlers an die Betrachtenden zu übermitteln? Wenn diese Frage gestellt wird, lässt sie bereits erahnen, dass die vermeintliche Botschaft für den Fragenden nicht ohne Weiteres zu dechiffrieren ist. Gleichzeitig liegt Vahlefeld nichts am Zweck und sagt selbst dazu: „Ich hasse den Zweck per se. Das Rechts und Links des Zwecks ist viel interessanter.“

Die Auswahl einzelner Texte lässt vermuten, dass Vahlefeld die Störung der Selbstreferentialität, zumindest von Hotels, ebenfalls fasziniert. Ein weiteres Bild benutzt den Schriftzug des Soho Grand Hotel in New York sowie seinen Guest Satisfaction Survey. Gut zu lesen ist sein Text auf dem von Vahlefeld gestalteten Untergrund: „Your satisfaction is the primary concern of our entire team. If you require assistance or wish to speak with a hotel representative during your stay, rest assured that any member of our staff is empowered to satisfy your needs and make your stay with us an enjoyable one.“ Will auch Kunst Zufriedenheit herstellen? Kann man mit einem Bild nur zufrieden sein, wenn man das Gefühl von ungestörter Kommunikation mit ihm und durch es hat?

Wie sieht es nun aber mit dem anderen Aspekt des Begriffs Preisfrage aus, die Preisfrage als Entscheidung zwischen mindestens zwei konkurrierenden Objekten? In den neuen Bildern Vahlefelds schwankt man zwischen der Gestaltung des Künstlers und der von Hotels, die in mal mehr, mal weniger abstrakten Zitaten diverser besuchter Häuser zum Ausdruck kommt. Was bestimmt nun aber den Preis eines einzelnen Bildes Vahlefelds? Sind es die Idee, die benutzten Materialien, die Arbeitszeit, der künstlerische Wert der Bilder, das Ego des Künstlers, der Kunstmarkt oder aber die Assoziationen von Preisen der Orte, die in den Bildern in den Farb- und Materialwelten oder Namen auftauchen, wie beispielsweise das Hôtel Ritz Paris mit seinen hellen, cremefarbenen Erd- und Rosatönen?

Preisfragen erfordern immer eine Entscheidung – ganz gleich, ob es um ein Gewinnspiel oder ein Abwägen zwischen mindestens zwei Objekten geht. Bei Vahlefeld verschwimmt jedoch die Entscheidungsgrenze zwischen Ort und Bild, zwischen Hotel und Gestaltung des Ortes wie des Bildes. Und so kann die Betrachtung einzelner Bilder ungeahnte Erinnerungen etwa an das gesellschaftliche Leben der Bar des George Hotel Hamburg oder an den Martini im Duke Hotel London wecken oder Sie damit konfrontieren, dass Sie diese Orte noch nie erlebt haben.

Gewinnen Sie einen Ort oder ein Bild, wenn Sie es betrachten oder gar kaufen und besitzen? Gewinnen Sie beides oder doch keines von beidem? Vahlefeld kreiert auf jeden Fall konsistente Bildoberflächen, die undeutlich sind gegenüber einer Überdeutlichkeit der Repräsentation. Die Gestaltung und Texte der unterschiedlichen Drucksachen oder die textilen Versatzstücke des Interieur-Designs einzelner Hotels verweisen auf Repräsentationen von Orten und Preisen: auf einen Namen wie London, einen Ort wie London mit seinen Kunstschätzen, exorbitanten Mieten oder dem Glanz der Hauptstadt eines einstigen Empires, den Namen und den Preis eines bestimmten Hotels in London, seine Einrichtung etc. Nichts aber davon ist greifbar in einem klaren Narrativ, das sich für den Betrachtenden gewinnen lässt, und so ist mit der Anwesenheit von Repräsentanten zugleich Kritik an der Repräsentation selbst geübt.

Was bedeutet also ein Bild Vahlefelds aus der neuen Hotel-Serie? „Wenn mich niemand darüber fragt, weiß ich es; will ich es aber jemandem erklären, der fragt, weiß ich es nicht.“

Dr. Denise Reitzenstein